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Ich hatte schon immer eine Leidenschaft für das Sammeln von Dingen. Als ich noch ein Kind war, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, da schenkte mein Vater mir ein Briefmarkenalbum. Ich habe es noch heute. Ich weiß genau, wie wir stundenlang davor saßen und die Briefmarken betrachteten. In meinem eigenen Album durfte ich die Marken sortieren und einordnen. Mit einem Filzstift schrieb ich die Namen der Länder an den oberen Rand der Albumseiten. „Deutschland“ stand dort und „Frankreich“, aber auch „Denemark“ und „Schpanien“. Ich hatte eine Pinzette und einen Katalog. Mit der Pinzette sortierte ich die Briefmarken vorsichtig in die jeweilige Reihe ein, steckte sie hinter das Transparentpapier und rückte sie in gerade hin. Die Abstände der einzelnen Marken zueinander waren dabei möglichst gleich groß. Im Katalog blätterte ich stundenlang, betrachtete die unterschiedlichen Muster auf den Marken und starrte verwundert auf die hohen Preise, die bestimmte Sondermarken erzielen konnten. Auch Jahre später noch wunderte ich mich darüber. Heute habe ich viele solcher Kataloge.
Schon immer sammelte ich alles Mögliche. Eine Zeit lang hatte ich einen Sammelkasten mit Überraschungsei-Figuren in meinem Zimmer hängen, aber in den Kasten passten irgendwann nicht mehr alle Figuren, die ich hatte. Später räumte ich ihn aus und stellte stattdessen Steine in die kleinen Holzfächer; Rosenquarze, Bergkristalle, Amethyste. Einmal waren wir, mein Vater und ich, bei einer Messe für solche Steine. Fasziniert stand ich vor den Ständen. Auf Tischen, die mit schwarzem Samt überzogen waren, waren unzählige kleine und größere Steine ausgestellt. Manche waren riesig und in der Mitte aufgeschnitten. Innen waren sie von Kristallen übersäht, die angestrahlt wurden und glitzerten. Wir kauften damals ein Fossil, eine alte versteinerte Schnecke. Ich habe sie noch immer, irgendwo.
Mit dem Betrachten der Dinge, die ich sammle, kann ich viele Stunden zubringen. Ich habe einmal Münzen gesammelt, es sind nicht viele, da sie sehr teuer sind, aber manchmal hole ich sie heraus und poliere sie mit einem speziellen Tuch. Wenn sie wieder glänzen, stecke ich sie zurück in ihre durchsichtigen Plastikhüllen und verstaue sie für Wochen oder für Jahre, bis ich es wiederhole, wie ein Ritual.
Auch meine Briefmarkenalben betrachte ich von Zeit und Zeit. Ganz selten einmal hole ich alle hervor und sortiere sie neu, oder ich füge eine neue hinzu, eine Sondermarke, die mir gut gefallen hat, als ich zufällig einmal bei der Post war. Dann blicke ich meist auch die anderen noch einmal durch. An jeder Marke hängt ein Stück von mir, es klebt dort unsichtbar, hinten an der Gummierung und wartet darauf, dass ich wiederkomme und es anschaue. Es geduldet sich manchmal über Jahre. Auf der Rückseite der Briefmarken bleibt es, ganz farblos, aber ich weiß, dass es da ist.
Momentan sammle ich Panini-Bilder, wieder einmal. Panini, wie der Name es eines Zauberers, eines Zirkuskünstlers. Der große Panini. Es ist Weltmeisterschaft. Ich mache das schon seit vielen Weltmeisterschaften. Mit einem Arbeitskollegen tausche ich Bildchen aus, er teilt meine Leidenschaft, wenn auch nur für die Fußballbilder. Morgens treffen wir uns fünf bis zehn Minuten vor Arbeitsbeginn und tauschen aus, welche doppelten Fußballerportraits die kürzlich gekauften Aufklebertütchen hergegeben haben. Wenn der andere etwas gefunden hat, das ihm noch fehlt, dann freuen wir uns. Die Hefte haben wir direkt dabei. Vorsichtig ziehen wir die Aufkleber ab vom Papier und kleben die Bildchen ein, sorgsam darauf bedacht, die im Heft vorgegebenen Ecken genau zu treffen. Die großen Bilder, die aus mehreren Aufklebern bestehen, erfordern immer ein besonderes Fingerspitzengefühl. Wenn es dann exakt sitzt und dort klebt, dann freuen wir uns noch ein wenig mehr. Nach und nach fügen sich kleine Bilder in ein großes Ganzes und die Seiten werden immer schwerer, wenn man sie umblättert. Dann hängen sie ein wenig durch in der Mitte und machen ein anderes, schwereres Geräusch beim Blättern. Der große Panini steckt hinter diesen Seiten.
Mir fehlen noch ein paar. Eigentlich ist das nicht schlimm. Wenn noch Lücken in den Heften bleiben, dann weiß ich, dass es einen Sinn hat, dass ich sammle. Die leeren Stellen, die auf die passenden Aufkleber warten, zeigen mir, dass alles ein Ziel hat. Auch sie sind noch farblos und vielleicht finde ich irgendwann die passenden Bilder.
Heute Abend fuhr ich mit dem Zug nach Hause. Ich setzte mich auf die weichen Sitze, die schon ein wenig quietschen und sah aus dem Fenster hinaus ins Dunkle. Mir fiel eine Messe wieder ein, auf einmal mit meiner Mutter war, als ich noch sehr klein war. Dort wurden Stoff- und Steifftiere ausgestellt, ver- und auch angekauft. Meine Mutter hatte zwei sehr alte Teddybären dabei, mit Kopf im Ohr. Wir gingen von Stand zu Stand, ich betrachtete die dargebotenen Stofftiere, während meine Mutter mit den Standbesitzern sprach. Sie handelte. Es waren Sammler und die beiden Bären waren sehr alt. Meiner Mutter fiel es nicht leicht, aber sie verkaufte die beiden Teddys mit dem kleinen goldenen Knopf im Ohr. Sie hatte sie schon seit ihrer Kindheit. Sie bekam einiges an Geld dafür, wahrscheinlich war es trotzdem noch zu wenig. Dafür hatten wir keinen Katalog. Es war nicht einfach für sie, die Stofftiere wegzugeben. Vielleicht hat sie sogar geweint. Aber damals brauchte sie das Geld dringender.
Als ich im Zug über diese Messe damals nachdachte, fiel mein Blick auf das gegenüberliegende Fenster des Zuges. Ich blinzelte ein wenig, stand dann auf und ging näher heran – es war niemand da außer mir, es war schon spät. Ich ließ mich auf den anderen quietschenden Sitz fallen und betrachtete das von der Sonne schon längst verblasste Portrait eines Fußballers der Weltmeisterschaft von vor zwölf Jahren. Der Aufkleber war schon abgestoßen an den Rändern, vermutlich von Reisenden, die daran aus Langeweile heraus herumgeknibbelt hatten. Ich überlegte und kramte dann in meiner Tasche. Aus meinem Etui holte ich eine Pinzette hervor und begann, den Aufkleber sehr vorsichtig vom Fenster abzulösen.
Die blassblaue Farbe des Fußballerportraits bröckelte ab unter meinen Schabbewegungen und blieb als weißer Staub an meinen Fingerkuppen hängen. Ich merkte schnell, dass es nichts werden würde. Das Bild hätte sich vollständig in kleine Staub- und Kleberteile aufgelöst, hätte ich weitergemacht. Ich seufzte, schnitt ein kleines Stückchen des Bildes ab und steckte es zusammen mit der Pinzette in meine Tasche.
Zu Hause suchte ich eine Weile, dann fand ich das passende Aufkleberheft von vor zwölf Jahren. Ich blätterte ein wenig, fand die Seite der passenden Mannschaft und nickte, als ich die leere Stelle sah. Er war der letzte aus der Mannschaft, der noch fehlte und nun war er da. Zumindest ein wenig. Ich tropfte ein wenig Kleber auf die Rückseite des Aufklebers und mit der Magie des großen Panini war er fast ganz. |
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lumière
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Di Jul 27, 2010 17:56
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